GNTM 2017 – queerfeminismus ohne kapitalismuskritik ist eine lose-lose-situation aber auch selten (episode 3)

Diese woche gibt es ein shoot-out zwischen neele und claudia. Das heißt sie stehen in direkter konkurrenz.
Das schiff fährt eine minikurve auf der landkarte, von mallorca nach menorca.
Das shooting wird hang-loose-shooting genannt. Jeweils zwei models werden mit einem kran zu einer hoch oben über dem meer aufgehängten holzkiste gefahren, dort müssen sie in no-name-tüllkleidern gegeneinander posieren. Lose-lose-shooting! Es geht wieder team gegen team. Wer ist für die dramaturgie dieser staffel zuständig? Team gegen team trägt keine ganze episode, geschweige denn staffel. Ich kriege das gefühl, es ist ein lehrfilm über konkurrenz am arbeitsmarkt, aber von der baby-boomer-generation gedreht, so sehr in my face ist dieser konkurrenzaufbau.

Leticia will nicht, dass heidi ihre haare schneidet. Heidi kommt nämlich schon mit dem elektrotrimmer an. Leticia will, dass es eine friseurin macht, heidi ist beleidigt: „Ich hab das bei meinen zwei söhnen auch gemacht.“ Zur erinnerung – heidis söhne sind ebenfalls Schwarz, sie sind 11 und 10 jahre alt. Infantilisierung, ein rassistischer move von weißen, um Schwarzen menschen (und poc) nicht auf augenhöhe zu begegnen. Heidi sagt – was für meine zwei kinder gut genug ist, ist auch für leticia gut genug. Aber leticia besteht darauf, dass ein profi ihr die haare schneidet und läuft dann den rest der folge mit kopfbedeckung rum.

Bei GNTM ist es wie bei den hunger games – die präsenz einer Schwarzen frau oder einer transgender frau darf nicht zum symbol werden, die jeweilige person muss entweder erniedrigt (leticia) oder entpolitisiert (giuliana) werden. (Bei den hunger games soll katnyss erst in die glamour-upperclass eingespeist und als das nicht klappt, getötet, und als das nicht klappt, menschlich gebrochen werden). Wären die körper dieser frauen ein symbol, würde das symbol symbolisieren: Ich bin hier, wir sind hier. Uns gibt es und wir verdienen es, hier zu sein. Das zieht dann ganz schnell fragen nach sich: Wo sind die anderen? Warum gibt es nur eine einzige? Warum sind die schönheitsstandards überhaupt so weiß und so cis? Der fantasie sind keine grenzen gesetzt, also darf erst gar keine aufkommen. Deshalb zeigt heidi leticia vor aller augen, wo ihr platz ist.
Wir wissen, dass das alles lüge ist und um es mit den worten von emotional labor queen auszudrücken: Another femme’s beauty does not mean the absence of your own.

Aber es soll ja um ökonomiekritik gehen, hab ich in der zeitung gelesen. Das ist die erwartungshaltung an den queerfeminismus. Viele haben sich beschwert, dass der queerfeminismus das nämlich nicht genug macht. Ich denke, dass jene teile des queerfeminismus, die rassismusanalysen liefern und antirassistisch arbeiten und empowerment für Schwarze / poc queerfeminist_innen bieten, automatisch ökonomiekritik liefern, weil rassismus & kapital untrennbar verwoben sind. Ich denke auch, dass queerfeminismus ohne kapitalismuskritik (bzw klassenkampf) unnötig ist. Ich tue also mein bestes. Und für wen? Für euch!

Es gibt zwei ebenen: Die story, die innerhalb der sendung erzählt wird und die story, die zwischen publikum und sendung abläuft.
Zur ersten story: Heidi symbolisiert den “freien” markt. Sie ist wie ein aal, ändert sich und ihre meinung von staffel zu staffel, ist schwer zu greifen, ist überall. Ist unantastbar. Sie überbringt die botschaft, was der markt denn gerade (angeblich) so will von nachwuchsmodels. Deshalb bringt es meiner meinung nach nichts, sie losgelöst vom kapitalistischen gefüge zu kritisieren. Es ist kein zufall, dass sie eine weiße frau ist. Wie margaret thatcher! Im fernsehen geht es ja um archetypen. Wäre der gastgeber von GNTM ein weißer typ, dann würden sofort so hugh-hefner-vergleiche aufkommen, er wäre ein sleazy daddy oder ein zuhälter, und solche sexualisierten konnotationen lenken von der mission GNTM ab. Es geht nicht um sex! Aber heidi ist eine frau unter frauen. Der weiße frauenkörper ist: Unschuld. Dadurch neutralisiert, keine gefahr in der zwischenmenschlichen begegnung. 
Die models befinden sich in einer art schul-situation. Sie ackern, aber sehen keine kohle (hallo, maria &nina!!).  Sie verrichten fake-arbeiten. In dieser staffel gab es noch keinen richtigen job, kein casting, nichts. Nichtmal die klamotten, die sie immer bei den shootings und walks tragen müssen, haben markennamen. Sie agieren (noch) im kleinen kosmos der sendung. Sie arbeiten, ihre arbeit wird abgewertet – einerseits ist das schon vorher geschehen, da feminisierte arbeit in unserer gesellschaft unter- bis gar nicht bezahlt ist; andererseits werden sie mit allen mitteln als personen und somit als arbeiter_innen abgewertet. Ritualisierte erniedrigung, konkurrenz, die hässliches-entlein-schöner-schwan- oder sogar transition-geschichte. So wie sie sind, reicht es nicht. Sie müssen sich ändern, damit heidi das veränderte ich der models in besitz nehmen kann. Oder, bei manchen: Sie dürfen sie selbst bleiben, vor heidis gnaden.
Es bringt nichts, mit heidi streit anzufangen. Mit dem markt kannst du nicht streiten. Was willst du dem markt denn sagen – ich hasse dich, du bist ungerecht, du tust mir weh?

Die models sind der kern der show. Ohne models, keine sendung. Wirklich gar keine. Was würden thomas, heidi und michael denn machen, ohne die frauen? Deren arbeit (sowohl model-arbeit, als auch die arbeit als reality-darsteller_innen) wird gering bis gar nicht bezahlt (falls jemand weiß, ob es eine aufwandsentschädigung gibt und wie hoch die ist, bitte schreibt es in die kommentare!!!). In einer modelagentur würden sie (zum beispiel) 70% der gage bekommen, und 30% ihre agentur. Aber in dieser sendung ist der einzige lohn das dabeisein. Exposure! Heidi selbst steckt aber auch kein cash ein. Und thomas und michael auch nicht. Nicht vor unseren augen. Und somit kommen wir…

Zur zweiten story: Wir, die zuschauer_innen, gucken eine sendung an, die mit werbung finanziert wird. Wir werden als käufer_innen für produkte gewonnen und durch den kauf finanzieren wir die werbung, also auch die sendung. In der sendung werden einige darsteller_innen (heidi, thomas, michael) ganz gut bezahlt, sowohl in cash als auch in karriere-fortschritten. Andere darsteller_innen (die models) werden schlecht bezahlt. Sie erhalten exposure (wovon sich später nur sehr wenige zur nächsten karrierestufe hangeln können) und das versprechen auf einen gewinn von 100.000 euro und mehr. Aber ein versprechen ist keine bezahlung! Den content kreiert ja nicht die gewinnerin alleine, sondern alle, die gegen sie kämpfen. Der sender prosieben macht den profit. Sonst würde es die sendung nicht geben.  Profit macht prosieben mit der entwerteten feminisierten arbeit der models und, und jetzt kommt die inception – auch durch die fortlaufende entwertung der feminiserten arbeit der models.

Effekte: Prosieben macht profite. Manche individuen machen karriere, manche nicht. Wir werden unterhalten, oder auch nicht (grade eher nicht). Produkte werden beworben und verkauft. Feminisierte arbeit wird weiter abgewertet, in einer endlos scheinenden, mind-twisting abwärtsspirale. Die instrumente zur abwertung der menschlichen arbeitskraft sind rassismus & misogynie; zugleich werden rassismus und misogynie auch in der sendung, also inhaltlich, weiter propagiert und bestärkt.

Wollt ihr drüber diskutieren? Ich bin neugierig! Schreibt es in die kommis.

Die episode ist leider noch nicht zuende, also:

Heidi trägt eine weste, die sieht aus wie ein scherz von vêtements. Die tüllkleider der models sind, wie schon erwähnt, no-name; so no-name wie diese gesamte, räudige kreuzfahrt. Melina wird von heidi betreut und bekommt öfter mal tips und coaching.

Es gibt tee von einer bestimmten teemarke, die teeboxen stehen auf einem zweistöckigen tisch mit tischdecke, alle trinken, es gibt passende teetassen.

Melina sagt vor der kamera, dass sie trans ist. Anh hält dabei ihre hand und schaut sie ernst an, sie sitzen auf dem bett. Hinterher umarmen sie sich und lachen. Ich weine bei dieser szene, auch beim zweiten mal gucken, weil es mich berührt, dass es eine junge trans frau gibt, die mit einer freundin zusammen auf dem bett sitzen kann und selbstbewusst und ohne nervigen einspieler (wie bei giuliana) erzählen darf, dass sie trans ist, und es ist okay und sie ist glücklich. Am nächsten morgen sagt sie es auch den anderen kandidat_innen, die applaudieren dann am frühstückstisch. Melina sagt: Das war eine höfliche geste. Alle sagen akzeptable pro-trans-statements. Das schiff fährt nach barcelona.

Es kommen zwei coaches(nikeata thompson und mac folkes), je eine person pro team, die den models mit laufen und körperhaltung und so helfen sollen. Die beiden sind berühmte künstler_innen und lehrer_innen, und beide Schwarz. Das ist oft (immer?) so bei GNTM, dass die profis, die für den körper zuständig sind, Schwarze und people of color sind. Auch dies weist menschen ihren platz zu und ist kein zufall. (Unabhängig gesprochen von der exzellenz der coaches.)
Dann kommt der end-walk. Er wird sexy walk genannt. Alle müssen sich ihre kleidung dafür selbst raussuchen, die meisten kriegen es nicht so gut hin. Wer weiterkommt, darf nach los angeles fliegen. Nächste folge kommt das umstyling, traditionell die episode mit sehr hohen einschaltquoten. Dazu dann mehr in einer woche.

Passt auf euch auf.
xxx

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