GNTM 2016 – tot wie die sterne am himmel, gestorben vor tausenden von jahren, aber das licht fällt jetzt erst in unsere augen

Hab mir nun endlich auch mad max fury road angesehen, aber konnte dem plot nicht folgen, weil alle sich so ähnlich sahen, und am ende hing der stream, also keine ahnung wie es ausgegangen ist. Dann fiel mir wieder ein dass topmodel läuft und ich suchte prosieben.de auf.

Ahh neiiin!! Eingeschaltet in den livestream und dann war schon die nächste sendung, eine show, bei der sich heten mit verbundenen augen knutschen sollen und irgendwer sagte gerade „ja an den haaren kannst du es ja dann schon ein bisschen erfühlen“ – ahhh!! Schnell ausgeschaltet.

Toni garrn ist als coach mit dabei. Michael ist eine labertasche, deshalb wurde er vermutlich eingestellt. Thomas begrüßt den fotograf mit „good to see you brother“.

Lanzarote / teneriffa. Ein fotoshooting findet auf den dünen statt. Cindy war noch nie am meer und mentor michael ergreift die chance, sich als emotions-schröpfer aufzuspielen. Er begleitet sie zum wasser, sie weint vor freude und er sagt hinterher „man kann sich das ja eigentlich schwer vorstellen, dass es leute gibt, die noch nie am meer waren und das hat mich eigentlich auch sehr berührt“ – ein echter daddy eben. Er sieht ihr talent, zeigt ihr die welt, fördert sie. Sie vertraut nur ihm, schaut zu ihm auf, arbeitet hart für ihn. Wir wissen noch nicht, ob beide den deal einhalten, aber für diese folge funktioniert es schonmal. Cindy wird es in dieser show bestimmt weit bringen. Sie weiß die dinge zu schätzen, die ihr von der produktion zugestanden werden, denn (?) sie kommt, wie heidi aus dem off berichtet „aus eher einfachen verhältnissen“, außerdem kann sie spagat und arbeitet hart.

Michael macht sassy sexwitze über einen von der crew, der an dem schwarzweißgebäck-laufsteg rumfummelt. Seine reaktionen wirken oft so, als hätte ihm die regie immer, wenn etwas passiert ist, nochmal gesagt: Michi, du musst da reagieren, und dann er so: Äh, achso. Ok. Äh-… „Uff.“ Und die regie: Danke, haben wir. Währenddessen ist die situation, zu der er “Uff” gesagt hat, längst vergangen, aber das macht nichts. Auch die sterne, die wir erblicken, wenn wir in den nachthimmel schauen, sind abbilder längst vergangener zeiten und größtenteils schon verglüht. Wir sehen ihre toten fratzen, und nichts anderes ist ja auch michael.

Beim posing-coaching, ein wort, das thomas mit überzeugung platziert hat, findet sich ein viererteam zusammen, das sich nach kurzem überlegen „team natural“ nennt. Sie rufen ganz laut „team natural!“ in die kanarische insellandschaft. Letzten endes gewinnt aber „team 1“ die challenge.

Über fred wird richtig viel berichtet, und bei ihr ist auch immer was los. Sie verkleidet sich als clown, hat immer was zu erzählen und bleibt ansonsten freundlich. Trotzdem wird sie nach hause geschickt, weint und bettelt aber, um da zu bleiben. Die jury hat solch unclassy verhalten nicht erwartet, findet es unangenehm, spielt aber mit. Alle umarmen sie und warten, dass sie sich wieder beruhigt.

Im entscheidungs-walk wird das ästhetische ausmaß des teamkonzepts deutlich: Weil ein team die farbe schwarz, eins die farbe weiß bekommen hat, gibt es einen laufsteg, der auf einer seite schwarz und auf der anderen weiß ist. Die jury trägt schwarze und weiße klamotten. Das kommt nicht rüber! Es sieht peinlich aus! Ich wünsche mir so sehr, dass endlich mal etwas schönes passiert. Stattdessen sagt michael, dass engel weiß seien und vergleicht irgendwen mit einem engel.

Während ich noch bei GNTM festhing, fand im SO36 in kreuzberg ein gegen-event statt. Gegen GNTM und dessen konsum. Also gegen mich! Wie sookee schon letzte woche im interview sagte, davon könnten sich manche angegriffen fühlen. Veranstaltet von pinkstinks deutschland, aber gesponstert vom bundesfamilienministerium. Ok, why not! Hier ein zitat aus der taz:
Die Idee zu einer Anti-GNTM-Aktion kam aus dem Bundesfamilienministerium. „Sie sind auf uns zugekommen“, erzählt Pinkstinks-Geschäftsführerin Stevie Schmiedel. „Das Ministerium will eine neue Zielgruppe ansprechen und in den Medienbereich vorstoßen.“ Deshalb auch der freie Eintritt. „Wir wollen jeden ansprechen und mit der Party auch jeden feiern“, sagt Schmiedel. Ein Fest für moderne Geschlechterrollen und alle Körperbilder, das vom Ministerium finanziert wurde.

In schweden führte der staatsfeminismus dazu, dass alle das hetenfeministische manifest von chimamanda ngozi adichie lesen, und in deutschland wird halt ein fest für die vielfalt veranstaltet. Vielfalt ist ja das beste was auf gottes deutscher erde wandelt. Vielfalt ist quasi der nächste schritt nach der toleranz (siehe hierzu staffel 10 von GNTM). Wenn die anderen aggressiv genug toleriert worden sind, dann tragen sie als vielfaltsgeweihe zur gemütlichkeit im kaminzimmer bei, wo die nicht-anderen im ohrensessel entspannen und sookee hören. Wer sich darüberhinaus kritisch zu GNTM geäußert hat: Edition F und Carolin Kebekus. Erstere sind poster-kids des neoliberalismus, wo businessmode aus luxusmarken besteht und zum thema work-life-balance audre lorde angeeignet wird. Ich hab früher manchmal ihre tweets geteilt, weil ich das gar nicht fassen konnte, was da von sich gegeben wurde. Von letzterer hab ich noch nie einen comedybeitrag gesehen, der nicht mindestens von rassismus und sozialchauvinismus triefte. Im verlinkten Artikel ist zum beispiel ableistische sprache am start, das macht carolin auch immer gern. Sorry, aber das ist kein feminismus, das ist hass, für den ein ventil gefunden wurde, von dem auch das bundesfamilienministerium gerne den korken ab-ploppt.
Naja jedenfalls sind sowohl GNTM als auch pinkstinks und das bundesfamilienministerium von toleranz zu vielfalt fortgeschritten und für den fortschritt kann mensch sich ja immer einsetzen. Mein großer bruder malte, als wir kinder waren, mal ein schild, auf dem stand: Haltet den fortschritt nicht auf! Ich glaube das war eine reaktion darauf, dass ich mich eine zeit lang für greenpeace begeistern konnte.

GNTM nimmt übrigens mehr kritik in sich auf, als immer gesagt wird. Jedes jahr ist die show ein bisschen anders, und sowohl die dünn-hetze, als auch der konkurrenzdruck und andere aspekte haben sich gewandelt. Der druck kommt längst nicht mehr direkt von heidi, sondern von den leuten selbst, internalisiert; die konkurrenz wurde von pragmatischer kollegialität der teilnehmer_innen abgelöst, manchmal sind richtig warme, solidarische momente zu sehen. Nur der rassismus wird nicht subtiler. Ich fände es schön, wenn sich auch die anderen kritiker_innen der sendung mal besser mit der show befassen würden. Die subtilität, mit der ausbildung und arbeit im neoliberalismus dort nämlich stattfinden, findet sich genauso an den meisten arbeitsplätzen, die ich bisher so kennen gelernt habe (dienstleistungssektor ohne vorausgesetzte qualifizierungen) – alle sind nett, und kritik darfst du üben, und deine personality bringst du auch ein, aber wenn du schwierig bist, dann kriegst du halt weniger_schlechtere schichten oder deine probezeit wird nicht zum festen vertrag. Vor meinem alten arbeitsplatz hat aber pinkstinks noch nie eine demo oder ein fest der vielfalt veranstaltet, und es wollte mich auch noch nie jemand davon befreien, für 8,50 die stunde beschissene gender rollen zu performen. Dagegen erkenne ich die internalisierungen der models hier im wettbewerb bei mir fast alle wieder: Beleidigungen werden mit einem lächeln beantwortet, für mansplaining sagt mensch danke, tränen werden außerhalb der arbeitszeit geweint, unerwünschte beurteilungen der körpers werden hingenommen und die „andersartigkeit“, für die mensch in der schule vielleicht gemobbt wurde, trägt mensch jetzt zu markte, in der hoffnung, die diversity eincashen zu können (ist mir persönlich aber nie gelungen).

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5 thoughts on “GNTM 2016 – tot wie die sterne am himmel, gestorben vor tausenden von jahren, aber das licht fällt jetzt erst in unsere augen

  1. Hey, danke für den Artikel und deine Analyse. Du hast vollkommen Recht, dass GNTM sich als Arbeit nicht von der neoliberalen Gesamtscheiße unterscheidet, die gerade von Seiten wie Edition F ja auch mit gepusht wird. Ich meine, da geht es um weiße Frauen die sich vielleicht tatsächlich ob ihrer Privilegien ein bisschen was aussuchen können und sich darum gegen das beschissene “Mädchen müssen immer lächeln und gefällig sein” wehren können – von dem aber halt die meisten anderen durchaus ziemlich krass betroffen sind.

    Aber: der Unterschied zwischen deinem Job und GNTM ist, dass der Neoliberalismus nur bei letzterem im Fernsehen so richtig abgefeiert wird. Und Pinkstinks ist eine feministische Medienkampagne, sie kümmern sich entsprechend nicht auch noch um… nunja, Neoliberalismus (und seine krass patriarchalen Tendenzen) allgemein.

    Pinkstinks kann man natürlich ohnehin kritisieren: ich finde den Namen echt scheiße, weil nicht Pink stinkt, sondern Sexismus. Aber ich hab mich gefragt, ob du solche medienfokussierte feministische Kampagnen einfach generell blöd findest, weil dann nur über Mediendarstellung und nicht ihre neoliberale, omnipräsente Realität anderswo gesprochen wird? Ich sehe bei sowas immer die Schwierigkeit, dass ein Projekt was alles auf einmal angeht dann irgendwie schwerlich Kräfte fokussieren kann und ich find’s eigentlich ganz gut, dass an dieser Stelle eben *auch* feministisches Engagement passiert. Denn die Mediendarstellung von Frauen ist eben ein nicht unerheblicher Punkt, wo besonders Kindern misogyne Kackscheiße eingetrichtert wird. Nur ein Kampf von vielen, aber kein unwichtiger.

    Würde mich freuen, dazu noch ein paar Zeilen von dir zu lesen. 🙂

    • Hallo! Danke für deinen ausführlichen Kommentar!!!!
      Ich denke, ich finde eine feministische Kampagne, die keine kapitalismuskritische Analyse mitbring, bzw wenigstens versucht, und die auch keine Arbeiter_innen-solidarische Position aufweist (zumindest nicht das, was ich von PS kenne) nicht ausreichend, und eher auch schädlich. Ich frage mich auch, wie Feminismus staatsbejahend agieren kann, ohne sich vor Scham und Selbsthass selbst in die Toilette zu spülen. Das Bundesfamilienministerium hilft mit bei der Kampagne gegen GNTM? Das kann ich nichtmal als “staatsfeministisch” ernst nehmen, denn wirkliche Maßnahmen, die der Staat vorantreiben könnte, haben mit Geld oder mit Gesetzen zu tun, nicht mit öden Medien-“kampagnen” – und da ist ja in den letzten Jahren classy feministische institutionalisierte Struktur abgebaut worden (zB Frauen_häuser, Mädchen_arbeit), sowie die Kriminalisierung von antifaschistischer Arbeit – wtf? Die Liste ist leider endlos.
      Ich weiß nicht, ob ich “jede” feministische Medienkampagne ablehnen würde – aber vielleicht sind die meisten radikaleren (dh autonomen / linksradikalen / staatsfernen / antifaschistischen / intersektional arbeitenden / queeren …) feministischen Aktivitäten auch deshalb nicht mit so großen Medienkampagnen am Start, weil sie besseres zu tun haben. Ja, ich glaube, es gibt Wichtigeres, als Geld und v.a. Mobilisierungsaufwand in GNTM zu stecken (ich mache das ja eher so als Hobby und würde das never mit Aktivismus labeln). Und ich glaube, dass nicht jeder Aktivismus automatisch “gut”, und vor allem gleich wichtig ist.
      Und in der Form, in der PS sich sonst so gibt, sehe ich auch eine ganze Latte an Trans_Misogynie, sodass ich deren Einsatz _gegen_ misogyne Darstellungen von Frauen (…) echt nicht ernst nehmen kann. (Beispiele wären so Distanzierung vom Klischee Wut-Feminist_in, Natürlichkeits-Diskurs, Heteronormativität, Typen-Abfeiern usw).
      Was mich v.a. bei der GNTM-Sache stört ist dass mit “den armen jungen Mädchen” argumentiert wird, die Kampagnen jedoch NIE von eben jenen getrieben und gestaltet werden. What happened to “Nothing about us without us”?
      Was denkst du dazu?

      Aber ehrlich gesagt, die Allgemeine Kritik an PS hat Hengameh schon längst hier ausgedrückt: http://teariffic.de/2014/06/18/pink-stinkt-nicht-ihr-lauchs/ und ich hab dem nichts hinzuzufügen. Wenn du Geduld hast, kannst du dich auch noch durch meine Texte vom letzten Jahr GNTM klicken, da schreibe ich ein bisschen über die versteckte whorephobia bei PS und generell viel zu Femme und femmephobia.

  2. Hallo,

    Ich habe gesehen, dass in der neuen “Sans Phrase” (Ca Ira Verlag) dieser Artikel von dir zustimmend zitiert wird. Ich dachte, falls der Verlag dir das nicht zur Kenntnis gebracht hat, schreibe ich dir einfach kurz damit du es weißt.

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