Germany’s Next Topmodel – Eine Betrachtungsreihe blablabla (Teil 8)

Auf Identitätskritik wurde ebenfalls die letzte Folge analysiert, worüber ich mich sehr gefreut habe. Es war nämlich ganz schön einsam in der feministischen GNTM-Betrachtung. Es gibt einen weiteren Grund zur Freude: Die Gruppe Henrike Iglesias zeigt ab 29. April in Berlin das Stück I CAN BE YOUR HERO BABY (fb), aus der Beschreibung: „Sexarbeit und Heidi Klums „Modelschule“ – wem gehört der weibliche Körper? Was bedeutet Selbstbestimmung innerhalb eines repressiven Schönheitsideals oder in Anbetracht von Existenznot?“ Ich kenne die Gruppe nicht, aber werde mir die Show auf jeden Fall ansehen. (Danke B., Für den Hinweis)

EPISODE NEUN

Schon im Teaser hören wir immer wieder Kreischlaute. Kreischende Frauen sind eine wichtige Trope in Film und Fernsehen. Sie symbolisieren Gefühle, Spannung, Gefahr, aber auch Unterhaltung (für die Zuschauer_innen). Das, worüber sie kreischen, ist oft nur für sie bekreischenswert. Sie rufen aus der Mode gekommene Pathologisierungen/Krankheitsbilder wie Hysterie wach. Nervliche Wracks, so kaputt und dabei so schön.

Die Episode beginnt damit, dass fünf Kandidat_innen mit Brustfan Heidi nach Neuseeland reisen dürfen. Wer aufgerufen wird, kommt nach vorne und erntet Küsschen. Es gibt immer Küsschen, wenn etwas gewonnen wird, und das ist denen auch nicht zu albern, das an 5 x 3 Leuten durchzuexerzieren. Die, die in LA bleiben müssen, sind enttäuscht und Laura formuliert später, in ihre Bettdecke eingewickelt, eine Ökonomiekritk: DASS MÄDELS MITDÜRFEN DIE SCHON 5000 EURO TASCHEN HABEN UND DIE GANZE WELT GESEHEN HABEN DAS IST SCHON DOOF. Sie vermutet, dass sie nie in ihrem Leben nach Neuseeland fahren wird. Laura, falls du das liest: Wenn du wieder in Schland bist, dann tritt bitte keinem Marx-Lesekreis bei, denn was dort auf dich wartet ist möglicherweise noch erniedrigender als die Modelshow.

Außerdem wird Erica verabschiedet. Sie ist froh, nach Hause zu fahren und spricht von ZICKENTERROR im Haus, der sie belastet hat.

Für die Leute, die in LA bleiben, steht ein Fotoshooting an. Der Geklonte Thomas und Übergriff-Kristian sind am Start. Außerdem kommt Model und Star Toni Garrn zu Besuch. Sie übernimmt Heidis Rolle, gibt Tipps und sieht ihr auch ein bisschen ähnlich. Das Shooting handelt von einem Rugbyspiel im Schlamm. Es wurden mehrere Männer eingestellt, die neben den Frauen modeln, damit es gefährlicher und wilder aussieht. Sie heben jeweils eine Kandidatin hoch, und alle zusammen posieren mit dem Rugbyball (heißt das so?). Am Rande des Shootings besprechen die Models, dass eins der männlichen Models größere Brüste hat, als manche der weiblichen Models. Das ist der queere, geschlechterdekonstruktivistische Schatten, den nur einer voraus werfen kann: Gender-Wolle!

Die Aufnahmen des Rugby-Shootings werden mit Musik unterlegt, die ich leider nicht erkennen kann, und laienhaft als „klassisch“ einstufen würde. Ich komme mir vor wie bei Lars von Trier, wo schreckliche Geschehnisse in Zeitlupe und purer Schönheit zusammengeschnitten und mit imposanter Opernmusik begleitet werden. Greif nach den Sternen, GNTM! Auch Lars von Trier hasst Frauen, ihr könnten Freund_innen werden!

Zwischen Laura und Varisa gibt es Probleme. Laura sagt, dass Varisa ihr Gewalt angedroht hat. Ich werde keine Beurteilung zu diesem Konflikt abgeben, muss aber sagen, dass hier eine Einladung zum Victim-Blaming gezeigt wird und noch dazu Gewalt zwischen Frauen zum Zickenkrieg kleingemacht wird. Beide sind 16 bzw. 17, zwei der jüngsten Teilnehmer_innen, und sie beschreiben sich gegenseitig als furchteinflößend und manipulativ. Der Konflikt zieht sich durch die gesamte Episode.

Natürlich müssen sie als Paar ins Rugbyshooting, so ein Zufall, haha, zum Glück meistern sie es professionell.

Toni Garrn und Der Geklonte Thomas singen, inspiriert vom Schlammfeld, Eye of the Tiger. Sie hören auch nicht mehr damit auf. Beide scheinen den gesamten Text zu können. Rocker-Thomas ist glaube ich ein Mensch mit richtig viel Lebensfreude. Rocker-Toni betont, wie toll die Ausbildung der Models bei GNTM ist.

Später verteilt Rocker-Thomas Geschenke an die Models, die nach Neuseeland reisen werden. Die anderen sind traurig, sie bekommen nichts, nichts und wieder nichts. Rocker-Thomas sagt WIR VERWÖHNEN DIE GÖREN HIER. Er ist ein richtiger Daddy.

Brustfan Heidi kommentiert die Geschehnisse aus dem Off, zum Beispiel als die Neuseeland-Gruppe im Auto sitzt MIT BESTER LAUNE UND ALKOHOLFREIEM SEKT. Dort angekommen, sollen sie von einem Hochhaus Skyjumpen (heißt das nicht mehr Bungee-jumpen?), und wir verstehen endlich das Gekreische aus dem Teaser. Niemand weiß, was das soll, es ist weder ein Casting, noch ein Fotoshoot noch sonst irgendwas. Es nervt. Ich habe Höhenangst und möchte nicht von dem Wolkenkratzer runtergucken. Er ist viel zu hoch. Heidi erklärt SCHLIESSLICH SOLLEN MEINE MÄDCHEN IN AUCKLAND RICHTIG SPASS HABEN.

Am nächsten Tag gehen sie zum Casting für ein hippes Magazin. Es stellt sich heraus, dass Teilnehmerin Vanessa ihr erstes Casting mitmacht – und das in Episode 9?

Sie und Jüli kriegen keinen Job, und Jüli, Königin der Finsternis, erklärt grimmig WIR MÜSSEN JETZT DIE ZEIT HIER GENIESSEN AUCH WENN DAS HIER JETZT NICHT GEKLAPPT HAT.

Brustfan Heidi hat die Models nicht ohne Grund nach Neuseeland verfrachtet: Sie sollen für ihr Event modeln, sie stellt eine Unterwäschelinie vor. Ich finde, sie hat ein ähnliches Temperament wie Christoph Schlingensief, der kam ja aus Oberhausen und hatte einen ähnlichen Dialekt wie sie. Wenn mensch sich Videos mit ihm ansieht, erkennt mensch eine ähnliche Selbstverständlichkeit, mit der sie in Räumen agieren und die absolute Präsenz, die beide haben: Keine Selbstdistanz (in der Performance). Heidi kann niemals so werden wie Christoph, der den uneingeschränkten Männerrespekt aller Kulturschaffender genoss, weil seine Herangehensweise an Politik und Kunst (SUBVERSION DURCH AFFIRMATION) nur mit dem scheinbar neutralen Körper des weißen, ableisierten Mannes möglich war. Ich und Heidi werden ihn niemals überschatten, wir sind keine unbeschriebenen Blätter, wir haben zuviel Körper, egal wie viele Stunden wir im Fitnessstudio verbringen.

Darya, die auch in dieser Episode wieder einen Medea-Moment hatte (aber hab vergessen, wann), sagt glücklich MIR KAN DAS ERLEBNIS NIEMAND NEHMEN DASS ICH FÜR HEIDI GELAUFEN BIN IN IHRER UNTERWÄSCHE. So ein Satz kann unmöglich gescriptet sein, er ist viel zu schön, und ich glaube weiterhin fest an den Reality-Aspekt der Sendung.

Varisa wird nicht für Heidi Schlingensiefs Unterwäsche gecastet, stattdessen wird später ihr Körper beurteilt und sie beteuert, sie habe schon angefangen mit ganz viel SPORT.

In LA: Eine Gruppe Models hat für die Jury eine Videobotschaft aufgenommen, in der sie Varisa beschuldigen. Egal, was los ist, und was stimmt: Seriously, eine Videobotschaft? Wessen Idee war das denn bitte? Wie konntet ihr glauben, dass das ein kluger Schachzug sein könnte? Ahhh!!!! Neiiiin!!! Ich kreische fast!!!!!! Wir, die Zuschauer_innen, kriegen die Botschaft ca. 3 mal zu sehen, und sie wird später allen möglichen Leuten vorgespielt und die Botschafter_innen bereuen ihre Botschaft, als sie merken, dass sie nicht so gut ankam.

Gender-Wolle ist wieder da. Thomas hört weiter Rockmusik und singt dazu.

Am Entscheidungstag trägt Heidi das Makeup aus Britneys Video zu …born to make you happy. Die Jury befragt alle ganz genau zum Konflikt um Varisas Gewaltandrohungen. Beurteilen wollen sie es am Ende nicht, weil sie selbst nicht dabei waren (duh!). Varisa schließt die Episode für sich ab mit MÄDCHEN SIND SO SIE GLAUBEN SOFORT DAS ERSTE WAS SIE HÖREN. Trotzdem müssen sie und Sandy nach Hause fahren. Die Top Ten sind nun auserwählt.

One thought on “Germany’s Next Topmodel – Eine Betrachtungsreihe blablabla (Teil 8)

  1. Hey,
    danke für deine bereichernden und kritischen Reviews.
    Ich überlege beim Schauen schon, was du wohl dazu schreiben wirst.
    Ich zweifel wirklich am Reality Grad der Sendung, wenn in der Videobotschaft die Frauen lachen und diese unkommentierten Zwischenmomente, in denen Teilnehmerinnen sich untereinander viel freundschaftlicher verhalten, als sonst.
    LG Blue

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