10 Jahre Germany’s Next Topmodel – Eine Betrachtungsreihe voller Liebe, Sehnsucht und verschlossenen Augen vor der Wirklichkeit (Teil 7)

EPISODE SIEBEN

Es kommt wieder eine Doppelbesprechung. Ich hab keine Lust, mir die letzte Folge nochmal anzugucken, denn das erste Mal war schon anstrengend genug. Daher erzähle ich sie aus der Erinnerung nach.

Erica, Darya und noch eine Kandidatin werden für WORLD OF TOPMODEL nach Hawaii geschickt, um für ein Surfingmagazin gecastet zu werden. Der Chefredakteur sieht aus wie ein Klischee Surferdude: Weiß, bärtig, ungewaschen. Außerdem spricht er deutsch. Mit der Arroganz und Selbsgerechtigkeit eines nach-dem-Abi-5-Jahre-Backpacking-Touristen bewertet er die drei Models. Sie sollen mit einem Surfbrett in der Hand am Strand entlang rennen und sehen alle drei unbeholfen dabei aus, weil der Wind weht und das Surfbrett schlackert. Erica verletzt sich beim Rennen und verzieht das Gesicht. Der eklige Backpacker, ich meine: DER KUNDE möchte keine schlechte Laune um sich und straft sie ab. Er lässt auch später mehrfach Charakterbewertungen über Erica und die anderen Girls vom Stapel.Darya ist in den Augen der beiden Casting-Typen DAS PERFEKTE SURFERGIRL. Erica wird gezwungen, beim Shooting abzuhängen, obwohl sie gar nichts zu tun hat. Sie wird beschuldigt, schlechte Laune zu verbreiten. Es gibt Streit zwischen Erica und Darya, die ganze Episode scheint aus diesem Konflikt zu bestehen. Die schlimmsten Vorwürfe, die geäußert werden, Kreisen immer wieder darum, dass Erica schlechte Laune verbreitet und unhöflich ist.

Die kommenden Stunden der Folge handeln in immer öderen Wellenformen von Ericas Charakter und alle haben eine Meinung über sie. Sie wird als asozial und boshaft dargestellt und es kommt zum erzwungenen Plenum in der Modelvilla. An dieser Stelle möchte ich alle Menschen grüßen, mit denen ich schonmal im aktivistischen Kontext in endlos-Plena geschmort habe. Chiara, aktuelle Teamleiterin im Schullandheim, versucht zu moderieren. Ich fühle mich wie in einem dieser alten, deutschen, rassistischen Kinderbücher, in denen es ein Schwarzes Kind gibt, dessen Haar, Körper und Benehmen von der Norm abweicht und das dafür hart bestraft wird. Bei jedem Umblättern wird noch ein Versagen der Person hervorgezerrt und noch mehr white people dissen sie.

Bei GNTM wird die Schwarze Erica (kurzhaarig) von einer Armee weißer Frauen gedisst, die alle sehr ähnliche Langhaar-Frisuren tragen. Ericas Friends, Anuthida (die einzige andere nicht-weiße Teilnehmerin, die noch im Rennen ist), Jüli (die, deren Körper bereits eine Entlein-zu-Schwan-Reise durchgemacht hat) und Lisa (kurzhaarig), können den Streit nicht richtig ernst nehmen.

Gender-Wolle, normalerweise immer am Start, wenn er den weisen und im Alter zartfühlig gewordenen Mentor spielen darf, bleibt der gesamten Episode fern.

Dann werden drei muskulöse Typen in die Modelvilla gesteckt und die Models sollen Fotoshootings mit ihnen inszenieren. Sie äußern sich abfällig und unprofessionell gegenüber den Typen, alle zeigen, wie sehr sie sich über das Frischfleisch freuen und machen sexualisierende Sprüche. Es ist wahrscheinlich wichtig, dass kein Lesben-Orgien-Verdacht aufkommt.

Das Thema lautet DREAMDATE, was Laura und Chiara nicht von einer Adam-und-Eva-Szene abhält: ADAM UND EVA DAS ERSTE DATE DER NATION.

Ansonsten ist die Folge öde. Unterschwelliger Rassismus gegenüber Erica, keine sonstigen Vorkommnisse, Runway-Walk in schwindelnden Höhen, irgendwer fliegt raus, irgendwer kommt weiter.

EPISODE ACHT

Die Folge beginnt damit, dass Ericas schlechtes Benehmen durchgekaut wird. Was ist schlechtes Benehmen? Dass Nasenhaar-Wolle schon die zweite Episode am Stück schwänzt? Wann kommt er zurück? Wann geht es endlich wieder um queer?

Die Reisemodels der Woche werden für WORLD OF TOPMODEL nach Mailand geschickt. Der Sinn dieser Trips ist, dass wir einige näher kennen lernen, wenn sie unter dem Konkurrenzdruck und den Reisestrapazen (LA-Mailand-LA in kaum 2 Tagen) leiden.

In Mailand gelandet, steigen Darya, Lisa und Varisa in ein Taxi. Als sie nach dem Preis fragen, hören sie nicht so genau hin und sind überrascht, dass die Taxifahrt statt 10 dann doch 110 Euro kosten soll. Selbst Darya, die sonst immer mit ihrem Luxuskonsum prahlt, gibt zu, dass sie noch nie so viel für eine Taxifahrt ausgegeben hat.

In LA hingegen findet ein sogenanntes Improvisationstraining statt. Mit den billigsten Übungen aus dem Theaterhandbuch werden sie von zwei öden Typen genervt, und Heidi ringt im separaten Interview um vernünftige Erklärungen, warum so eine Erniedrigung für das Modelbusiness wichtig ist. Sie trägt 70-er Föhnwelle und Silberblick und freut sich über sich selbst wie eh und je. Einer der Theatertypen sieht aus wie Thomas Hayo, sein Kollege guckt zu ihm auf wie ein Hündchen. Heidi gönnt sich auch ein bisschen Improtheater und trägt ihre Spontaneität zur Schau. Alle klatschen.

Zeitgleich in Mailand: Die drei Frauen treffen schon wieder auf deutschsprachige Caster_innen. Warum können alle deutsch? Warum ist überhaupt irgendwer irgendwohin geflogen? Warum sind die Castings immer on Location (am Strand, im Schloss,…)? Warum nicht in einem tristen Großraumbüro in der Vorstadt, wie im echten Leben? Ausnahmsweise sitzen noch andere Models im Warteraum, immer wieder wird auf eine Konkurrentin gezoomt und die GNTM-Frauen fühlen sich unwohl. Sie müssen sich mit einem Huhn auf dem Arm fotografieren lassen und ich denke an meine Mutter, die früher immer sagte: “Wenn es modern wird, dass man einen Scheißhaufen auf dem Kopf tragen soll, dann werden es die Leute auch machen.”

Varisa begeistert alle, aber sie ist erst 17. Die Designerin des Labels sagt ICH HATTE MIR GESCHWOREN DASS ICH NIE WIEDER MIT EINEM JUNGEN MÄDCHEN ARBEITE DA KRIEGE ICH MUTTERGEFÜHLE, aber sie castet sie dann doch. Wieder müssen die anderen mit Varisa am Set abhängen. Gibt es keine anderen Castings, zu denen mensch gehen könnte, wenn mensch schonmal in der Stadt ist? Auch diesmal beurteilt die Casterin die Persönlichkeiten der Models. Der Fotoshoot sieht zum weinen langweilig aus, interessanterweise scheinen die Fotos eine Frische und Ungezwungenheit auszustrahlen, von denen wir auf Kamera nichts gespürt haben. Magic!

Darya ist sauer und posiert im Hotel. Sie sieht aus wie eine von den Spring Breakers, nur mit richtig Wut im Bauch. Meanwhile in LA: Die Kandidat_innen werden gezwungen, vor ausverkauftem Haus eine Improshow zu spielen. Warum? Wer will das sehen? We don’t know. Erica, die das Improvisieren nicht so gut kann und auch nicht gerne macht, versucht, sich durch öffentliches Fatshaming ihres Spielpartners Lacher zu ernten.

Am nächsten Tag steht das Fotoshooting an. Ekel-Christian, der Fotograf, macht Angeber-Moves. Es nervt, dass Erica von allen gedisst wird. Die Models sollen mit üppigen Kleidern in einem Wassertank fotografiert werden. In anderen Sendungen ist so ein Tank Folter oder Albtraum, hier ist er große Kunst. Bei Sandy rutscht das Kleid, als sie abtaucht, und Heidi ruft erfreut, dass ihre Brüste zu sehen sind (BOOBIES ICH SEH BOOBIES DA SIND BOOBIES). Ekel-Chris erkundigt sich, ob Sandys Brüste hübsch aussehen. Heidi überhört die Frage, und da lässt Christian Schuler auch nicht locker.

Ich bin es so leid, dass so viele schwule cis Typen (Edit: Hierzu den Kommentar von Sana beachten) denken, sie haben Recht und Zugriff auf frauisierte Körper / auf die Körper von Frauen. Gewisse Sprüche und Taten, die sich Heterotypen nicht so gut erlauben können (wegen Angst vor Sexual Harrassment Beschuldigung, aber v.a. weil sie Frauen als „Ladies“ behandeln wollen_sollen), sind für Gay Boys wie Übergriff-Christian total in Ordnung. Er muss keine Frau wie eine Lady behandeln, er hat ihr gegenüber also noch weniger zu verlieren als ein Heteromann. Für ihn ist Femininität eine Schande, die er ausbeutet, oder besten Falls ein Scherz. Wenn er Brüste sehen will, dann will er Brüste sehen. Er findet, dass das sein Recht ist, schließlich turnen ihn Sandys Brüste nicht an. Urgh, soviel Hass. Sexismus von schwulen Typen ist eigentlich immer in Mode. Übergriff-Christian versucht später, Heidi als seine Ehefrau abzustempeln und will, dass sie für ihn irgendwas erledigt. Aber dafür hat Brustfan Heidi zu lang in der Branche gearbeitet. Was sie nicht hören will, das hört sie auch nicht.

Ich hab mich ja schon in früheren Episoden beklagt, dass Übergriff-Christian keine Unterscheidungsmerkmale zu der hinter ihm befindlichen Tapete besitzt, und das ist auch der Grund, warum er sich jetzt sassy gibt. Er spürt, dass es nichts gibt, das wir sehen wollen. Er fühlt, dass seine seelische Leere durch Mund und Augen verdunstet, er spürt, dass er nichts kann, außer Typ sein. In so einem Fall kann er dann halt Frauen degradieren und ggfs. exotifizieren. (Wie viele weiße girls, die auf Youtube zeigen, wie sie in ihren Badezimmern twerken haben wir hart für ihre rassistische Aneignung verurteilt – und wie viele weiße boys, die sich selbst mit der vermeintlichen Sassyness einer Schwarzen Frau ausstatten, haben wir cool gefunden?)

Es gibt noch ein Fotoshooting und endlich darf Der Geklonte Thomas wieder sein Können zeigen. Ein Model soll auf der Fahrbahn rumstehen, während ein Fahrer im nervigen kleinen Auto aus den GNTM-Werbeblöcken um die Person herumkurvt und wilde Stunts mit einer extra per Gartenschlauch erzeugten Pfütze macht. Ich hasse dieses kleine Auto! Es ist viel zu klein und unpraktisch! Und wieso muss überhaupt einem winzigen Auto mit aufwändigen Werbekampagnen zu mehr Maskulinität verholfen werden? Das ist so durchschaubar und peinlich. Das gibt Minuspunkte in queerness, sage ich euch. Und wer dieses Auto kauft, weil er_sie das Gefühl hat, wegen der spritzenden Wasserpfützen und dem Model im Vordergrund ist es gar nicht so un-männlich mit dem Winzauto rumzufahren, wird von mir keinen Millimeter Respekt erhalten.

Laura, 17, ist nicht mit ihrem Fotoshooting zufrieden. Sie weint: ICH WILL IMMER SCHÖN SEIN UND DANN WAR ICH NICHT SCHÖN AUF DEN BILDERN. Nasenhaar-Wolle ist krank und ein berühmtes Model ersetzt ihn, als es zur Fotovergabe geht. Jüli beschreibt Chiaras hellblonde Locken als Afro. Erica fliegt raus: ERICA ES TUT MIR SCHRECKLICH LEID ABER ICH HABE HEUTE LEIDER KEIN FOTO FÜR DICH.

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6 thoughts on “10 Jahre Germany’s Next Topmodel – Eine Betrachtungsreihe voller Liebe, Sehnsucht und verschlossenen Augen vor der Wirklichkeit (Teil 7)

  1. Kristian Schuller ist übrigens nicht gay, sondern Ehemann von Peggy Schuller, die m.W. auch für die Kostüme bei den aktuellen Shootings verantwortlich ist – interessanterweise aber so gut wie nie gezeigt wird. Ich finde, das macht es alles noch mal unangenehmer.

    • WOW, danke für die Info. Ich war mir nie sicher, weil er selbst sich dazu ja nie geäußert hat, und für mich war die Art seiner Frauenfeindlichkeit in der letzten Folge dann so ein Hinweis. Aber das hat natürlich nichts mit seiner Lebenspraxis zu tun, sondern eher mit der Branche, in der er arbeitet.

      • M.E. hat er bei dem Kommentar über seine Ehefrau auch seine tatsächliche Ehefrau gemeint und nicht Heidi, aber das ist eigentlich irrelevant, wollte ich nur der Form halber anmerken. Und um Sanas Hinweis nochmal zu bekräftigen, Peggy Schuller verdanken wir seit 10 Staffel die coolsten Kostüme und Sets – das ist auch der einzige Grund sich über die Vollzeitanstellung von C.Schuller diese Staffel freuen zu können.

      • Das ist wirklich interessant. Ich bin froh, dass eure Kommentare meine eigenen Zuschreibungen nochmal korrigieren.
        Gab es nicht am Anfang der Staffel eine Person (die aber nicht Peggy hieß), die vorgestellt wurde, als für die Dauer der Staffel eingeplante Stylistin? Sie wurde einmal kurz eingeführt, und ich hatte erwartet, sie würde öfter auftauchen und vielleicht sogar Dinge sagen. Aber dann wurde sie nicht mehr “bewusst” gezeigt.
        Danke für deinen Kommentar!

  2. Pingback: Wie ich dann doch mal Germanys Next Top Model guckte | Identitätskritik

  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Sport feat. Body-Shaming und die besten GNTM-Reviews – die Blogschau

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