10 Jahre Germany’s Next Topmodel – eine Betrachtungsreihe voller Liebe, Sehnsucht und verschlossenen Augen vor der Wirklichkeit (Teil 3)

EPISODE ZWEI: Too true to be true.

ICH HAB NOCH NIE SO SCHÖNE MÄDCHEN AUF EINMAL GESEHEN

Zwei Kandidat_innen heißen Maja, aber nur eine der beiden kommt weiter. Die Jury singt den Biene-Maja-Song und Sonderwunsch-Wolle macht eine komplizierte Erklärung, dass Biene Maja als tolerante und moderne Biene einen schwulen Kumpel hatte (Willi), und dass die modernere der beiden Model-Majas daher eine Runde weiter ist. Was an Toleranz so geil und an einem Gay Best Friend so modern ist, bleibt uns und den Majas vorenthalten. Verkindliche und herrsche.

GNTM ist ein Mädcheninternat und wenn Reality-Shows verschiedene Kinks widerspiegeln, dann ist diese hier eine Geschichte von Mummy-Little Girl-Dynamik und Erziehungsmaßnahmen. Heidi ist die Mummy Dom, die sich mit Wärme aber auch mit Strenge um die Models kümmert, während die Kandidat_innen die Rolle des little Girls spielen und die Verantwortung und die Wahrheit in die Hände ihrer Mummy legen: Konsensuales Ageplay, Mindgames, Belohnungen und Bestrafungen. Kinky, aber versteckt hinter der Lieblingsorgie des Neoliberalismus (= Castingshow). Ich weiß nicht, wie weit sich die Beobachtung auf den Lifestyle Mommy/little girl erstrecken lässt, weil einige Kandidat_innen noch minderjährig sind. (Allerdings haben die ja für die Show eine Einverständniserklärung der Eltern). Puh, es wird immer schräger, je mehr ich darüber nachdenke. Die Essende Heidi kann jedenfalls mit Kindern umgehen und geht mit den Kandidat_innen um wie mit Kindern und das Mädcheninternat ist eher Erziehungsheim als eine Eliteschule, weil die Upper Class auch in ihrer Kindheit keinen Erniedrigungen in der Öffentlichkeit ausgesetzt wird. Die „schwierigen Fälle“, die meist aus ärmeren Gruppen rekrutiert werden, hingegen schon.

Der Castingbus, in dem wieder nur Hetero-Thomas und Mummy Dom Heidi mitfahren, weil Sonderwunsch-Wolle sich mit Küssen verabschiedet und irgendwo anders übernachtet, fährt unter Anderem auf einem Schulhof vor. Aus vielen lärmenden Jugendlichen werden Schülerinnen gefischt, die GNTM-Potenzial haben. Sie walken vor den Kindern und Teenies und dem Kamerateam und der Jury, und alle filmen mit ihren Telefonen. Der Bus fährt weiter, wird nachts von den Bullen kontrolliert und Hetero-Thomas und Die Essende Mummy Dom Heidi lassen sich ein Gruppenbild mit Uniform überhaupt nicht nehmen. Macht Spaß.

Weiter geht’s im queeren Karrussel des Modelcastings, als Pari zum Bikinilauf kommt und Hetero-Thomas, der offenbar über ihren trans Status informiert worden ist, im Einzelinterview seinem Namen alle Ehre macht: Fast so emsig wie ein Talkshow-Gast, der in die „Transfalle“ getappt ist und nun seine Heterocredibility gefährdet sieht, beteuert er mit brüchiger Stimme ICH HATTE SCHON SO EIN BISSCHEN DEN VERDACHT DASS DA WAS UNGEWÖHNLICHES AM START IST ÄH DAS ZEIGT EBEN DASS ES EGAL IST OB DAS JETZT EIN MANN ODER EINE FRAU IST SONDERN OB DAS IN DER WELT DER FASHION FUNKTIONIERT. Dieser Mechanismus, bei dem ein Typ, der mit einer trans Frau flirtet / sonstwie heterosexuell interagiert und dann „feststellt“, dass sie trans ist, sie aus lauter trans Hass mit Brutalität tötet, aber für diesen Mord freigesprochen wird, ist sehr verbreitet. In manchen Ländern zählt es nicht als Mord, sondern als Gay bzw Trans Panic Defense, also als Totschlag oder gar Selbstverteidigung (Jurist_innen werden das besser erklären können). Jetzt also auch Hetero-Thomas, zum Glück bis hier nur verbal. Weitere Transphobie aus seinem Mund erspare ich uns an dieser Stelle, leider kündigt der Teaser zur nächsten Folge weiter Auswüchse der Cis-Crowd bei GNTM an.

In der Umkleidehalle zeigt Pari einen Walk, der aus Paris is Burning nachgemacht sein könnte, dann lacht sie über ihren camp. Aber statt ihre Ballroom Realness zu beneiden, gucken die Leute um sie rum mit toten Augen ins Leere. Paris Körper beherrscht Ironie und das ist das Letzte was GNTM gebrauchen kann. Ich bezweifle, dass die Jury das über mehrere Monate hinweg mitmachen wird.

Ein Freund sagte heute zu mir: As trans people, we fight every day and we lose every day. But if we don’t fight, we will die, so we have to keep fighting.

Die meisten trans Personen werden niemals aussehen wie Pari. Ich glaube, dass sie einen Sinn für ihre_unsere Communities hat, sie politisierte selbst ihre Teilnahme an der Show und will andere damit empowern. Ich erwarte eher nicht, dass sie in den kommenden Folgen eklige Cisnormen zum Thema Natürlichkeit vom Stapel lassen wird. Aber die, die von ihr profitieren, die ihren trans Status kapitalisieren können, müssen keine Verantwortung für diese_unsere Communities übernehmen und auch nicht für die Kackscheiße, die Leute wie Trans-Panic-Hetero-Thomas von sich geben. Sie kaufen die Hypersichtbarkeit, bezahlen die Person, in diesem Fall Pari, nichtmal angemessen dafür und setzen Körpernormen, denen trans Frauen noch seltener entsprechen können als alle Anderen Leute, ins Unendliche fort. Die trans Person wird sichtbar, aber hat nichts davon. Weder kann sie Tür und Tor für andere trans Personen öffnen, weil sie nur als Einzelstück von Interesse ist, noch kann sie die Kuh richtig melken. Wie Sonderwunsch-Wolle es formulierte TRANSGENDER IST MODERN ist sie ein Trend, den sie in ein paar Saisons nicht abschneiden kann wie eine uncoole Frisur, wenn der Trend vorüber ist.

Mich beschäftigt beim aktuellen trans-Trend die Angst vor dem Konsum-Durchbruch von trans. Wenn trans Kultur, ähnlich der schwulen (Mainstream) Kultur, eine Konsumkultur wird_ist, wird die Luft noch dünner. Wenn ich in Berlin rumlaufe, springt mir die schwule Kultur ins Gesicht. Aber so sichtbar sie existiert, so sichtbar ist auch die Ausladung an mich und meine friends – ihr kommt hier nicht rein. Sie ist nicht für uns gemacht, weil unsere Körper nicht das erforderliche Grad an Konsumierbarkeit besitzen, und unsere Geldbeutel das erforderliche Konsumieren auch nicht leisten können. Mit der Sichtbarkeit kam_kommt die Körpernorm, der Rassismus, die Transphobie, die Femmephobie und die Kohle der Guppies (gay Yuppies, ein Begriff aus den 80ern, hab ich mal im Kostümseminar gelernt). Vielleicht hab ich grad meine Pessimismusphase, aber davor fürchte ich mich. Gute Texte dazu hier und im Buch Why are faggots so afraid of faggots.

Hypersichtbarkeit hat nix mit dem kollektiven Betreiben der ganzen Kuchenbäckerei zu tun, trotzdem gucke ich weiter zu, wie Pari im Fernsehen modelt, denn ich liebe sie und halte zu ihr und kann es mir gar nicht leisten, wegzugucken, weil ich dazugehören will und mich mit ihr identifizieren kann und das ist ein unwiderstehlicher Sog.

Die Mutter einer Teilnehmerin sagt über ihre Tochter SIE SAGT ICH BIN NICHT ZUM ARBEITEN GEBOREN ICH BIN ZUM MODELN GEBOREN. Dem kann ich nichts hinzufügen. Bis nächste Woche!

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2 thoughts on “10 Jahre Germany’s Next Topmodel – eine Betrachtungsreihe voller Liebe, Sehnsucht und verschlossenen Augen vor der Wirklichkeit (Teil 3)

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